Artikel mit Tag belletristik
2005-12-11
Ein Generationenroman, wie sie seit einigen Jahren Mode sind. Diesmal einer aus dem Osten Deutschlands. Ich bin im Westen groß geworden und war bei Maueröffnung schon fast zwanzig. Sechs entscheidende Jahre älter als die Autorin. Die Geschichten, über die Jana Hensel schreibt, sind trotzdem schön. Mal voller Hoffnung, mal eher trostlos. Der etwas eintönige Singsang der sehr ruhigen, beinahe sonoren Stimme passt zu den Geschichten. Meistens. Manchmal hätte ich mir etwas mehr Elan, mehr Abwechslung gewünscht.
Hensel schreibt und liest über die Leipziger Montagsdemonstrationen, die sie als 13jährige erlebt, erzählt über Umbrüche im Schulunterricht, im Alltag einer Heranwachsenden. Und sie versucht die Stellen zu erklären, an denen sich die Generationen aufgrund deutlich unterschiedlicher Erfahrungen auseinanderleben. Für einen nicht dabei gewesenen Außenstehenden durchaus interessant.
Nach guten zwei Stunden Hörbuch bleibt am Ende ein leicht fader Nachgeschmack und Gedanken, ob da nicht womöglich eine ganze Generation um eine behütete Jugend gebracht wurde.
2005-10-03
Schon lange steht der Otherland-Zyklus von Tad Williams auf meinem Wunschzettel. Durch Zufall bin ich kürzlich an das Hörspiel des ersten Teils gelangt. Die Stadt der goldenen Schatten ist astreine Science Fiction. Oder doch ein historischer Roman? Ein Thriller? Ein modernes Märchen? Fantasy? Oder doch irgendwie alles zusammen. Heute nachmittag brauchte ich Frischluft und Tageslicht. Eine gute Gelegenheit, mal mit den sechs CDs anzufangen. Knapp die Hälfte davon habe ich immerhin geschafft.
Worum geht's? Das ist im Moment noch schwer zu sagen. Computernetze spielen eine große Rolle. Virtuelle Spielewelten auch. Es gibt eine Art Zeitreisen. Das Ganze spielt in einer Zeit, wo Computer über menschliche Sprache kommunizieren können. Die vielen parallelen Handlungsstränge verwirren anfangs etwas. Ist sicher nicht geeignet, mal eben so nebenbei beim Wohungsputz gehört zu werden. Das Hörspiel verlangt viel Aufmerksamkeit. Wie das mit dem gedruckten Buch ist, kann ich nicht sagen weil nicht gelesen. Hole ich evtl. noch nach, ich glaube nämlich, da erscheinen die Szenenwechsel nicht so abrupt. Zwischendurch erinnern mich einzelne der phantastischen Figuren immer mal wieder an Die unendliche Geschichte von Michael Ende.
An die vielen Nebengeräusche und teilweise stark verfremdeten Stimmen muss man sich anfangs etwas gewöhnen. Dafür bekommt man ein erstklassiges Aufgebot an Sprechern. Ganz besonders angetan bin ich persönlich ja von der rauchigen Stimme Sophie Rois' in der Rolle der Renie Sulaweyo.
Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie der erste Teil ausgeht und wie die anderen Teile weiter gehen. Danke B. für das Rohmaterial.
2005-07-29
Im Zug auf der Heimfahrt fertig gelesen: Karin Boye – KalloCain. Science Fiction? Endzeit? Zukunftsroman? Hmmm... Gelungene Mischung aus allem. Irgendwie. Irgendwann zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer von mehreren Chemiestädten in einem totalitären Überwachungsstaat: Ein Chemiker entwickelt ein Wahrheitsserum. Damit behandelte Personen verraten – bei vollem Bewusstsein – ihre innersten Gedanken. Ein hervorragendes Mittel für staatliche Strafverfolger. Der Chemiker wird samt seinem Vorgesetztem dem Polizeidienst unterstellt um (a) Beamte in der Anwendung auszubilden und (b) dafür zu sorgen, dass viel von dem Mittel produziert wird. Im ganzen Staat gibt es Berge von subversiven Elementen, die es herauszufiltern und zu eliminieren gilt. Zwischen all den Verhören -- nicht zuletzt aufgrund des darin gehörtem -- ändert der einst staatstreue Chemiker zunehmend seine Geisteshaltung gegenüber seinem Staat und bewegt sich so zunehmend weiter weg vom linientreuen Mitsoldaten... Endzeitstimmung garantiert. Gehört in eine Liga mit Fahrenheit 451 und 1984. Lesen.
2005-05-10
Im Untertitel heisst es: "Handbuch fürs Überleben." Geschrieben hat es Volker Marquardt. Hmmm... ich finde: ein eher seichtes Buch, nett geschrieben, nett gelesen, that's it. Ein paar Stellen zum Schmunzeln sind drin. Die Zielgruppe wird sich an der einen oder anderen Stelle mehr oder weniger stark wieder erkennen.
Immerhin finden sich ein paar lustige Lebensweisheiten, die es sich lohnt zu merken. Beispiel:
Mit einem Freund muss ich mich nicht über den Weg streiten, den wir mit dem Mietauto nehmen. Wir kommen auch rechtzeitig zum Abendessen, weil wir den Versöhnungssex nach dem Streit über die Fahrtrichtung weglassen können. Und wenn gerade keiner etwas zu sagen hat, lesen wir eben was oder schauen aus dem Fenster. Keiner von uns hat dabei den Eindruck, dass gerade etwas falsch läuft. Nicht, dass so etwas mit Lebensabschnittspartnern überhaupt nicht funktionieren würde. Es funktioniert nur weniger leicht.
Problemlos brauchbar für einen verregneten Sonntag nachmittag.
2005-04-10
Beängstigender Jugendroman über Datensammelei und Data Mining in der Zukunft.
Tubor Both, Angestellter im Datenzentrum -- wo aus sämtlichen anfallenden Daten (dank individueller π-Karte kinderleicht zuordenbar) statistische Persönlichkeitsprofile erstellt und ausgewertet werden -- steigt nach und nach hinter die Funktion seiner Arbeit. Gemeinsam mit der pensionierten Programmiererin Christine Preinsberger legt er das Datenzentrum lahm, was kurzfristig zu Chaos führt. Einige Jahre später wird er gefasst. Im Buch beschreibt der Ich-Erzähler seine Beweggründe für den Sabotageakt dem verhörenden Kommissar des zuständigen Untersuchungsausschusses.
Für Leute vom Fach erschreckend realitätsnah, alle anderen sollten mal genauer über vermeintliche Vorzüge von Payback und anderen Rabattsystemem nachdenken. Der sabotierte Ausfall der zentralen Rechners hat im Buch außerdem zur Folge, dass binnen kürzester Zeit eine noch stärkere Überwachung, Datensammelei und -auswertung betrieben wird; alles unter dem Deckmantel von Terror- und Sabotagevorsorge. Spätestens seit 9/11 kennen wir diese Aussagen und Umsetzungen nicht nur aus Romanen wie diesem...
Von mir unbedingte Leseempfehlung. Dass es ein Jugendbuch ist, merkt man kaum. Die Erzählung liest sich flüssig, ein paar kommunikationstechnische Grundlagen sind hilfreich aber nicht erforderlich. Mir hat das Buch sehr gefallen.
2005-03-30
Gegen Ermüdung auf Langstrecken und Frustausbrüche im Berufsverkehr helfen mir Hörbücher im Autoradio. Die letzten paar Kilometer war Das Jesus Video von Andreas Eschbach mein Begleiter. Starkes
Material. Ein bisschen Science Fiction, aber nicht so viel, dass es abgehoben wird. Auseinandersetzung mit der Kirche auf eine Weise, die die eine oder andere Frage beim Zuhörer bzw. Leser entstehen läßt. Parallele Erzählstränge die hinreichend diversifiziert sind und man nicht sofort weiss, wie sie ausgehen, wo sie hinführen und wie sie mit anderen Strängen in Zusammenhang stehen. Und am Ende der vorletzten CD ein seltsamer Schluß, der eigentlich kein Schluß ist. Der kommt – mit sehr überraschenden Wendungen – tatsächlich erst am Ende von CD 6.
Anfangs hatte ich mit dem Sprecher ( Matthias
Koeberlin) bzw. eigentlich dessen Stimme und Interpretation der einzelnen Charaktere so meine Schwierigkeiten, die sich aber nach zwei Stunden endgültig aufgelöst haben. Insgesamt kurzweilige
Fahrstunden die letzten Tage. Nachfolge im Player:
Götterdämmerung von Tanja Kinkel. Dazu habe ich im Moment noch eine sehr gespaltene Meinung...
2005-03-15
Hörbuch, die letzten paar Tage im Auto. Das Thema (Antimaterie als Terrorwaffe, Erpressung durch systematische Ermordung der vier Topkandidaten für die anstehende Papstwahl, Vatikan, CERN) ist sehr interessant. Die Umsetzung weniger:
Viele Spannungsbögen werden nach sehr kurzer Zeit – für mich nach zu kurzer Zeit – bereits aufgelöst. Man beginnt gerade, sich Gedanken zu machen – "Hmmm... wohin wird dieser Erzählstrang wohl führen?" – und schwupps, weiss man's auch schon. Ich für meinen Geschmack überlege lieber eine Weile lang selber. Phantasie ist was schönes.
Das Ende ist für meine Begriffe etwas zu amerikanisch. Dicht gepackt, für eine Kino-Fassung gäbe das Buch an der Stelle eine Menge Special Effects her. Der Plot schlägt noch einige – teilweise hanebüchene – Haken. Muss man mögen, mir persönlich liegt's eher weniger.
Verglichen zu manch anderen Hörbüchern reisst ausserdem der Vorleser hier noch einiges raus. Gute Interpretation der einzelnen Charaktere. Wirklich schön gemacht. Kompliment.
2004-12-16
Kürzlich (na gut, schon ein paar Wochen her) gelesen: Douglas Coupland – Girlfriend in a Coma. Das erste Buch, das mir beim Lesen Wasser in die Augen trieb. Vor Rührung. Uneingeschränkt empfehlenswert, für den, der Coupland mag: Auch hier geht es im Kern um die Generation X, also Menschen, die in den Siebzigern und Achtzigern groß wurden. Deren Orientierungs- und Antriebslosigkeit. Oft veröffentlichter Stoff, als Buch wie als Film. Bei Coupland – mit gleichnamigem Buch quasi Begründer der Generation X – geht es diesmal um eine kanadische Clique in Vancouver, die nach einem Tag Skilaufen noch schnell einen am Auto hebt, bevor sie zu einer Party weiter will. Karen – die ein paar Tage vorher seltsame Visionen hatte – fällt nach Konsum einer geringen Menge hochprozentigen Alkohols ins Koma. Und bleibt dort die nächstel 17 Jahre. Ziemlich orientierungslos wacht sie mit 34 in einer zwischenzeitlich stark veränderten Umwelt auf. Jetzt geht die Geschichte erst richtig los. Was hat es mit ihren Visionen auf sich? Wohin orientieren sich die Leben der mittlerweile mitten in den 30ern steckenden Freunde? Wohin verläuft Karens Leben? Interessante Einsichten, überraschende Wendungen. Statements zum Nachdenken. Lesen.
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